Neulich im Supermarkt: Begegnung mit der Hysterie

Ich bin auf einiges gefasst: Zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Coronakrise besuche ich mit leicht mulmigem Gefühl meinen angestammten Supermarkt. Was würde mich erwarten? 

 Nun, zunächst einmal ein mit Bändern labyrinthmässig abgesteckter Zugang, an dessen Ende eine freundliche Mitarbeiterin mir einen Zettel entgegenstreckt. Kein Gutschein, kein Hinweis auf eine Aktion des Tages, nein, nur eine Zahl. Muss es denn wirklich ausgerechnet die Zahl 13 sein? Auf meine Bitte, mir eine andere Zahl zuzuweisen, reagiert die Dame mit einem verständnisvollen Lächeln und reicht mir einen anderen Zettel: die Zahl 97. Viel besser! Voller neuer Zuversicht betrete ich die riesige Verkaufsfläche.

Einiges kommt mir vertraut vor von früheren Besuchen zu Normalzeiten: Die Fleisch- und Fisch-Aktionen zum Beispiel gleich beim Eingang, Unmengen von Schokolade-Osterhasen in allen Grössen, Formen und Farben. 

Aber dann: Türme, die fast bis zur Decke reichen! Eine Huldigung an das Wertvollste aller Papiere: Unmengen von Zehnerpackungen mit Klopapier. Toilettenpapier ist scheinbar das neue Statussymbol. Lange Zeit wurde über diesen Hygieneartikel schamhaft geschwiegen, manche fanden es gar peinlich, wenn andere sie damit beim Einkaufen sahen. Klopapier, ein unerwarteter Gewinnler der Coronakrise! 

Ich gehe weiter, an abgesperrten Bereichen vorbei, Kleider gehören offensichtlich nicht zu den Krisengewinnlern. Gespenstisch ist die Stimmung, vereinzelte Supermarktkunden huschen an mir vorbei, schweigsam, die Blicke gesenkt. Ein Rentnerehepaar fällt mir auf, leicht panische Blicke über wohl selbstgebasteltem Mundschutz. Gehäkelt? Gestrickt?

Mein Einkaufswagen hat sich gefüllt, ich steuere auf die Kassen zu. 

Dort steht: besagtes Rentnerpaar. Sofort schiebt der Mann seinen Einkaufswagen zurück, damit ich ihm ja nicht zu nahe komme. Als er am Zahlen ist, beginne ich meine Waren aufs Band zu legen. Schwerer Fehler! Der Mann unterbricht seinen Zahlungsvorgang und herrscht mich mit Blockwartsmanier an, ich solle gefälligst meinen Abstand einhalten. Ich antworte ruhig, der Abstand sei gewährleistet, immerhin zwei Einkaufswagen,  und entspräche den momentan geltenden Regeln. Noch ein schwerer Fehler! Der Mann in Panik zwängt sich an einem Einkaufswagen vorbei und nähert sich mir bedrohlich. Aus seinen weit geöffneten Augen blitzt eine Mischung aus Todesangst und blankem Hass. Eine Tirade von Schimpfwörtern ergiesst sich aus seinem jetzt verschobenem Mundschutz über mich. Ich trete zurück, weiterhin ruhig erkläre ich ihm, dass es aber jetzt er sei, der den Abstand nicht einhalte. Zum Glück wendet sich der Blockwarttyp jetzt ab. Sowohl ich als auch die Kassiererin, die mir verschwörerisch zuzwinkert atmen beide erleichtert auf. 

Als es an mir ist, meine Waren zu zahlen, will sich die bedauernswerte Kassiererin bei mir entschuldigen für diesen Vorfall. Ich erkläre ihr, dass sie alles richtig gemacht habe und es nicht an ihr sei, sich zu entschuldigen. Ich wünsche ihr noch einen schönen Tag mit hoffentlich besonneneren Kunden. Nachdenklich und auf leicht zittrigen Beinen schiebe ich meinen Einkaufswagen zum Ausgang.

Wir alle brauchen noch Zeit, in diese neue Welt mit den neuen Regeln hineinzuwachsen.  Das erklärt die große Unsicherheit, auch meine. Verzichten kann ich aber auch  auf diese neuen Blockwarte, für welche die neuen Regeln willkommener Anlass sind , ihre Kontrollgelüste auszuleben.

 

 

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