Höchste Zeit, dass Kinder und Jugendliche ernst genommen werden

Kürzlich las ich von einer norwegischen Pressekonferenz zu Beginn des Lockdowns: Erna Solberg, die Regierungschefin, informierte die Mädchen und Jungen über die politischen Entscheidungen und beantwortete deren Fragen. Sie nahm ihre Sorgen ernst und gab zu, dass es auf Dauer zu Hause ohne Freunde ganz schön langweilig werden könne.

Es müsste eigentlich selbstverständlich sein: Kinder sind kleine Menschen, mit denen man sprechen kann. Sie haben eigene Bedürfnisse und Rechte, die man ernst nehmen müsste. Kinder sind nicht irgendeine Interessengruppe, sondern die systemrelevanteste Gruppe überhaupt. Wer ihnen schadet, schadet der Zukunft aller. Auch die Kleinsten verdienen die derzeit viel beschworene Solidarität.

 

Die Wirklichkeit sieht leider anders aus: Während eine Mehrheit eine Isolierung von Risikogruppen zurecht als unethisch verworfen hat, wurde die Isolierung von Kindern einfach beschlossen und durchgeführt, obwohl es klar sein müsste, dass auf Dauer dadurch ihre körperliche, psychische und soziale Unversehrtheit gefährdet ist. Kaum ein Gedanke daran, was es für Kinder bedeutet, urplötzlich von allen Freunden, Großeltern, Vertrauten getrennt zu sein, seit Wochen nicht an Lieblingsorte zu dürfen: auf den Spielplatz, zum Sport, in den Jugendtreff. Wer die Perspektive der Kinder und Jugendlichen ausblendet, missachtet deren Würde.

 

Wochenlang sprachen und sprechen Politiker und Fachleute aller Art auf allen Medienkanälen über Lockdown, exponentielles Wachstum, Herdenimmunität, Inkubationszeit, Immunsystem, Schmierinfektion, Letalität, Quarantäne, Reproduktionszahl, Übersterblichkeit, Systemrelevanz, Verdoppelungszahl usw.

Und darüber, wie man den Kindern mit den Lockerungen wieder mehr Raum geben könnte? Über Perspektiven von Kleinkindern, die zu Hause monatelang kein Deutsch gesprochen haben? Über Teenager, oder besser mit ihnen, welche in der Vereinzelung depressiv zu werden und in digitale Welten abzudriften drohen? Über neue Spielstrassen? Über das Aufarbeiten und Bewältigen des Geschehenen mit den Kindern und Jugendlichen? Über das Draussen-Lernen? …

 

Der Eingriff in die Lebenswelt unserer Kinder und Jugendlichen ist gerade massiv. Große Leute können die Krise meistern, indem sie auf deren Ende hoffen. Kleine können das nicht, sie leben im Jetzt. Machen wir gerade eine Rolle rückwärts nach all den Diskussionen um Kinderrechte und Fridays for Future? Das sollten sich die Kinder und die Jugendlichen und die Eltern und die verantwortungsvollen pädagogischen Fachpersonen nicht gefallen lassen!

 

 

Erna Solberg, die norwegische Regierungspräsidentin, lese ich weiter, habe sich vor ein paar Tagen übrigens bei den norwegischen Mädchen und Jungen bedankt für deren Mitwirkung. Selbst sie als Ministerpräsidentin könne schließlich nicht allein auf das Land achtgeben. Dafür brauche sie die Kinder.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Willkommen auf "es geht weiter"


Immer informiert bleiben!

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.